RFID im Handel
Digitalisierung Handel

RFID im Handel: 10 Fragen - 10 Antworten

Ein Interview mit Alexander Sänger, Sales Consultant bei Remira und Experte für RFID im Handel

 

Die RFID-Technologie (Radio Frequency Identification) ist immer mehr auf dem Vormarsch und bietet eine wunderbare Ergänzung zu dem klassischen Barcode. Dabei ermöglichen RFID-Systeme die Optimierung sowohl von internen als auch von externen Prozessen. Die Leistungsfähigkeit steigt und für das Unternehmen bedeutet das ein nicht unerheblicher Wettbewerbsvorteil. Dafür werfen wir heute einen Blick auf den Handel und wie mit dem Einsatz von RFID-Transpondern der Umsatz gesteigert und Kosten eingespart werden können. Dazu im Interview Alexander Sänger, Sales Consultant bei der Remira GmbH und Experte zu dem Thema RFID-Technologie im Handel.  

 

Herr Sänger, gerade im Hinblick auf Prozessinnovationen ist in der Handelsbranche wieder die RFID-Technik in den Vordergrund gerückt. Was genau bedeutet RFID (Radio Frequency Identification)?

 
Alexander Sänger: RFID ist die Abkürzung für Radio Frequency Identification und beschreibt per Definition eine Technik, bei der mit Hilfe von Funkwellen ein winzig kleiner Datenspeicher ausgelesen werden kann. In unserem Fall ist es ein sogenannter RFID-Tag, also ein in beispielsweise in ein Kleidungsstück eingenähter oder per Etikett aufgebrachter Transponder mit Speicherchip und Antenne. Für jeden Einsatzbereich gibt es den richtigen RFID-Transponder. In dem RFID-Tag ist eine eindeutige Identnummer (Einzelidentnummer) sowie weitere Informationen gespeichert. Jede dieser Nummer ist weltweit einmalig. Der RFID-Transponder kann mit einem entsprechenden Lesegerät (MDE) ausgelesen werden. Dabei unterscheidet man je nach Energieversorgung und Kommunikationsform der Transponder zwischen einem aktiven Transponder und einem passiven Transponder. Während der aktive Transponder über eine eigene Energiequelle verfügt und damit selbst Funksignale erzeugen kann, kann der passive Transponder die empfangenen Signale nur rückkoppeln oder reflektieren und modellieren. Je nach Bauart arbeiten RFID-Transponder in verschiedenen Frequenzen.  

 
Das klingt aufwendig. Viele Händler dürfte ein hoher Aufwand für eine solche Integration der RFID-Technologie scheuen oder vielmehr wissen nicht, was auf sie zukommt. Was sind die technischen (Hardware) Anforderungen, um RFID-Technologie in das eigene System zu implementieren?

 

Alexander Sänger: Damit die RFID-Technik verwendet werden kann, ist es erforderlich, dass die Kleidungsstücke „getaggt“, also mit einem Transponder, versehen werden. Ideal wäre es, wenn bereits der Hersteller seine Artikel taggt. Aber es ist auch möglich, mit einem geeigneten Etikettendrucker selbst diese speziellen Etiketten beim Drucken mit der Identnummer und entsprechenden Informationen zu „beschreiben“. Zum Auslesen der RFID-Tags ist ein RFID-Lesegerät mit einer Antenne erforderlich. An sich ist das System leicht in das eigene Unternehmen zu integrieren und simpel in der Anwendung.  

 

Auf Hardwareseite klingt das gut machbar, doch wie sieht es mit dem Thema Software aus? Im Normalfall bestehen bereits Warenwirtschaftssysteme und andere Softwareanwendungen. Was sind die programmtechnischen (Software) Anforderungen für RFID?

 

Alexander Sänger: Natürlich müssen die Identnummern bei der Herstellerauszeichnung zum Händler „transportiert“ werden. Dieses erfolgt per EDI in der DESADV, also in der despatch advice, einer standardisiert erstellten elektronischen Liefermeldung. Die DESADV wird um diese Einzelidentnummer erweitert, welche dann im Warenwirtschaftssystem (WWS) des Händlers zur Verfügung steht. Somit kann das WWS beim Erhalt der RFID-Identnummer diese dem Artikel zuordnen. Damit ist sowohl eine Bestandsaufnahme (Teil-Inventur-Inventur)) als auch eine Bewegung (Umlagerung) nachvollziehbar, wenn der RFID-Transponder gelesen wird. RFID-Systeme fügen sich dementsprechend simpel in vorhandene EDV-Systeme ein. Bei der händlereigenen Auszeichnung ist es notwendig, dass beim Druck die RFID-Nummer mit der Artikelnummer „verheiratet“ wird. Damit wird der gleiche Effekt wie soeben beschrieben erreicht.  

 


Was sind derzeit die Hürden von RFID-Systeme für den Einzelhandel? Wo sehen Sie Probleme bei der Radio-Frequency-Identification-Technik? 

 

Alexander Sänger: Leider taggen sehr wenige Produzenten ihre Ware mit RFID-Chips. Es sind lediglich einige wenige Fabrikant RFID-fähig. Manche Hersteller taggen zwar ihre Ware, allerdings bloß für die eigenen Logistik-Abläufe. Das bedeutet, dass die Information per EDI nicht weitergereicht wird und so der Vorteil für den Handel nicht nutzbar ist. Für eine unternehmensweite Nutzung von RFID-Systemen ist es dann erforderlich, dass der Händler seine eigenen Etiketten mit einem RFID-Chip druckt, was eine Kostenfrage ist.  

 
 

Und damit kommen wir zum nächsten wichtigen Punkt, den Kosten. Wie hoch sind diese für den Einsatz von RFID-Technologie? 

 

Alexander Sänger: Bei der Nutzung des durch den Hersteller angebrachten RFID-Tags entstehen keine Kosten für den Händler, denn diese sind bereits vorhanden. Das RFID-Lesegerät (MDE) liegt bei ca. 1.200 EUR pro Stück. Dabei muss man bedenken, dass diese Lesegeräte mit einer entsprechenden Instore App natürlich noch viel mehr können. Ein RFID-Etikettendrucker liegt bei ca. 1.200 EUR. Das größte Problem dürften allerdings die laufenden Kosten durch die Etiketten sein. Diese liegen je nach Menge bei ca. 0,05 EUR pro Stück.  

 


Was gibt es neben den Kosten für RFID-Systeme noch an Aufwendungen zu beachten?

 

Alexander Sänger: Sollte die eigene Auszeichnung gewählt werden, entfällt die herstellerseitige EAN-Auszeichnung. Alle Artikel müssen dann ausnahmslos mit einem eigenen Transponder ausgestattet werden. Das verursacht neben den Herstellungskosten der RFID-Transponder oder vielmehr der Etiketten mit RFID-Chips einen erheblichen Zeit- und Arbeitsaufwand, der mit einkalkuliert werden muss. Des Weiteren sollten die Artikel anschließend in einem Zentrallager angeliefert werden. Die direkte Anlieferung der Ware in die Shops muss daher prozesstechnisch hinterfragt werden (wobei die Umlagerung dann wieder per RFID erheblich vereinfach wird).  

  


Ein immer mehr in den Fokus rückendes Thema ist die Nachhaltigkeit. Wie steht es da um die RFID-Systeme? Wie sieht es aus mit der Umweltverträglichkeit?

 

Alexander Sänger: Das Thema Nachhaltigkeit gehört eindeutig zu den Nachteilen der RFID-Technologie, denn diese Etiketten sind in der Herstellung und Entsorgung alles andere als unproblematisch. Man darf dabei jedoch nicht außer Acht lassen, dass der Einsatz der RFID-Etiketten obendrein Nachhaltigkeitseffekte in der Produktion und im Fashionretail mit sich bringt. So ergeben sich durch die Automatisierung von Produktionsprozessen viele Möglichkeiten, um mit RFID-Tags die Nachhaltigkeit zu steigern. Im Fashionretail wird der RFID-Einsatz bereits erfolgreich genutzt, um weniger zu produzieren und schlankere Lagerbestände (pull statt Push) zu fördern. Zudem kann die Verbrauchertransparenz durch Rückverfolgbarkeit (wo kommt meine Kleidung her?) erhöht werden. 

 


Wo sehen Sie denn die Vorteile der RFID-Technologie?

 

Alexander Sänger: Viele der oben genannten Herausforderungen werden durch den Einsatz von RFID-Chips tatsächlich aufgehoben. Schauen wir zunächst auf die Inventur. Mit dem Lesegerät können Tausende Produkte innerhalb weniger Augenblicke erfasst werden. Ein Praxisbeispiel hat gezeigt, dass eine Filiale mit zwei Etagen und ca. 5.000 Artikel im Bestand innerhalb von 30 Minuten komplett aufgenommen wurde. Die Fehlerquote lag dabei unter 0,1 %, also hier hat RFID-Technik die Nase vorne. Ein weiterer enormer Vorteil ist die Überwachung der Verfügbarkeit, insbesondere im Hinblick auf Istbestände für Omnichannel. Das Kassieren kann per RFID erleichtert werden, indem der Artikel an der Kasse mit einer unsichtbaren Antenne gelesen und „entwertet“ wird. Zudem werden Umlagerungen von Zentrale an Shops oder Shop zu Shop erheblich vereinfacht. Es können sogar die Tags durch geschlossene Kartons erfasst werden. Die ganze Logistikkette kann so transparenter und einfacher gestaltet werden.  

 


Wo sehen Sie die besten Einsatzmöglichkeiten für die RDFI-Transponder im Ladenlokal?

 

Alexander Sänger: Wie bereits gesagt, es gibt sehr viele Anwendungsmöglichkeiten für RFID-Transponder, vor allem, da laut Definition mithilfe von RFID-Transponder der kontaktlose Austausch der Informationen möglich ist. Ich sehe hier vor allem drei Bereiche besonders sinnvoll für die Anwendung von RDFI-Systemen:  

 
 1. Produktionsstätte

Nehmen wir an, dass der Unternehmen hauseigene Produkte fertigt. In der Produktionsstätte kann dann in der Verpackung der Transponder eingearbeitet werden. Diese kommen auf Paletten, ebenfalls versehen mit einem Transponder. Beim Verlassen der Produktionsstätte können sie beim Durchfahren eines Funktors automatisch erfasst werden und das ohne Sichtkontakt und aufwendigem Scannen der einzelnen Produkte. 

 2. Inventarsichtbarkeit

Aber auch ohne eigene Produktion bieten RFID-Transponder einen enormen Vorteil bei der Prozessoptimierung in der Bestandserfassung. Durch das schnelle Erfassen der RFID-Chips ohne Sichtkontakt und als Pulk Erfassung ist es kinderleicht, eine zuverlässige und vollständige Inventarerfassung über alle Artikelebenen zu erreichen. Das ist nicht nur von Vorteil für die Inventur, da hier Kosten und Zeit gespart werden in einem erheblichen Maße, sondern außerdem für den Multichannel-Einzelhandel wichtig. Nur bei einer vollständigen Bestandsübersicht über alle Kanäle hinweg, ist es möglich, dem Kunden den tatsächlichen Bestand auf alles Absatzkanälen zugänglich zu machen und das Kauferlebnis und damit auch den Umsatz zu steigern. 

 3. In der Filiale

Nehmen wir an, das Unternehmen hat RFID-Antennen an den Regalen. Diese nehmen die Signale der entsprechenden Artikel auf. Empfangen sie ein Signal nicht, fehlt dieses Produkt. Wird dann an der Kasse der Bezahlvorgang dafür abgeschlossen, erfährt das WWS davon und kann mengengenau und automatisiert nachbestellen. Auch durch Kunden falsch zurücksortierte Waren werden auf die Art sofort erkannt. Das automatische Reduzieren des Preises, zum Beispielspiel bei bald ablaufender Haltbarkeit, kann dadurch ebenfalls automatisch erfolgen oder aber ein Mitarbeiter bekommt eine entsprechende Meldung und das Produkt kann entfernt werden. Kunden können anhand ihrer in der App des Unternehmens gespeicherten Vorlieben durch das Geschäft durch Empfehlungen und Vorschlägen geleitet werden. Im Einkaufskorb befindet sich ebenfalls ein Lesegerät, welches die Produkte erfasst. An der Kasse gibt es dann keinen lästigen Scanvorgang mehr. Der Käufer muss nur noch die vom Korb erfasste Gesamtsumme bezahlen. Für den Fall, dass der Kunde ohnehin einen unbaren Bezahlvorgang nutzt, wird der Betrag automatisch von seinem Konto abgebucht, sobald er den Laden mit dem Produkt verlässt. Das klingt zwar nach Zukunftsmusik, ist aber jetzt schon möglich.  

 
 

Wie würden Sie sagen, ist RFID abschließend zu beurteilen?

 

Alexander Sänger: Auch wenn der Umweltaspekt und die Kosten betrachtet werden müssen, halte ich die RFID-Auszeichnung für eine unglaubliche Bereicherung und Vereinfachung der Lieferkette. Darüber hinaus werden die Logistikabläufe (Bewegungen) erheblich vereinfacht. Ein weiterer Vorteil ist die Transparenz, denn das „System“ weiß, wo genau sich welcher Artikel zu welchem Zeitpunkt befindet. Zwischeninventuren für die Aufrechterhaltung von NOS sind schnell „nebenbei“ durchgeführt. Die Inventur wird exakter und wesentlich beschleunigt. Dabei werden auch Zählfehler reduziert. Hinzu kommt das enorme Potenzial bei der Steigerung des Kundenerlebnisses. Einkaufen wird zu einem sehr angenehmen Prozess, bei dem lästiges Scannen der Produkte und lange Bezahlvorgänge in Zukunft entfallen können. Der Kunde wird bei seinem Kauf seinen Vorlieben entsprechend unterstützt, sucht aus und verlässt den Laden. 

Sicher gehört auch eine erhebliche Portion Mut und Pioniergeist dazu, sich auf diese Technologie im Handel einzulassen, denn solange herstellerseitig nicht mehr Bewegung zu erkennen ist, liegt der Aufwand im Handel.